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Manche haben vielleicht bemerkt, dass es dieses Mal keine zwei-, sondern eine dreiwöchige Pause gab. Diese Zeit zwischen den Jahren hat jedes Jahr etwas Eigenartiges. Alles wirkt kurz angehalten, der Kalender läuft weiter, aber das Gefühl für Zeit verschiebt sich. Plötzlich ist der sechsunddreißigste Dezember. Man nimmt sich viel vor, erledigt am Ende erstaunlich wenig und ist trotzdem permanent beschäftigt. So wurden aus zwei Wochen am Ende drei.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein frohes neues Jahr. Möge es ein gesundes und vor allem ein friedliches werden.
Habt ihr mitbekommen, was seit Ende Dezember im Iran passiert?
Falls nicht, wäre das nicht einmal verwunderlich. Wer sich auf die tägliche Berichterstattung des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunks verlässt, bekommt davon tatsächlich nur sehr wenig mit.
Eine saubere Einordnung ist an dieser Stelle wichtig. Es wird über den Iran berichtet, das zu leugnen wäre unzutreffend. Es gibt Meldungen, kurze Beiträge und gelegentliche Erwähnungen. Was jedoch weitgehend fehlt, ist Gewichtung, Zusammenhang und eine fortlaufende Analyse dessen, was diese Entwicklungen politisch bedeuten. Bei ARD und ZDF taucht der Iran derzeit meist am Rand auf, selten prominent und fast nie mit erkennbarem Nachdruck.
So entsteht der Eindruck einer gewissen Normalität. Als sei die Lage stabil oder zumindest eingefroren. Beides trifft nicht zu.
Zwar wird regelmäßig über die wirtschaftliche Krise im Iran berichtet, doch diese Berichterstattung bleibt isoliert. Sie blendet aus, dass es sich beim iranischen Regime nicht um ein gewöhnliches autoritäres System handelt, sondern um ein ideologisch getriebenes Machtgefüge mit regionalen und globalen Ambitionen. Dieses Thema ist nicht neu. Es ist seit Jahrzehnten hochbrisant.
Spätestens seit der islamistischen Machtübernahme Ende der siebziger Jahre, als ein zuvor stark westlich geprägtes Land unter die Kontrolle religiöser Hardliner geriet, ist der Iran ein zentraler Akteur im geopolitischen Spannungsfeld des Nahen Ostens. Diese Entwicklung kam nicht aus dem Nichts. Der Iran war historisch kein islamistischer Staat, sondern ein kulturell vielfältiges Land, dessen religiöse Prägung sich über Jahrhunderte hinweg durch Eroberungen, politische Umbrüche und erhebliches Leid verändert hat.
Im Jahr zweitausendzweiundzwanzig kam es erstmals seit langer Zeit wieder zu landesweiten Aufständen, die vielen Iranerinnen und Iranern reale Hoffnung gaben. Diese Proteste markierten keinen Umsturz, aber einen Bruch. Sie zeigten, dass die innere Loyalität zum Regime massiv erodiert war.
Im Laufe des Jahres zweitausenddreiundzwanzig gelang es dem Regime, Teile seiner Kontrolle wieder zu festigen. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie eng die innenpolitische Repression mit der außenpolitischen Eskalation verbunden ist. Der Angriff auf Israel muss in diesem Zusammenhang betrachtet werden, nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Teil einer Strategie, mit der das Regime versucht, von innerem Druck abzulenken und nach außen Macht zu projizieren.
Israel wiederum hat in den vergangenen Jahren gezielt daran gearbeitet, die militärischen und logistischen Strukturen dieses Systems zu schwächen, insbesondere jene des IRGC. Diese Maßnahmen richten sich nicht gegen die iranische Bevölkerung, sondern gegen die Machtinstrumente eines Regimes, das nach innen an Kontrolle verliert und nach außen eskaliert.
Diese Zusammenhänge werden medial kaum erklärt. Sie werden nicht nur verkürzt dargestellt, sondern häufig vollständig ausgeblendet. Während hier also weitgehend Stille herrscht, steht das iranische Regime unter einem Druck, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dieser Druck ist real. Und er speist sich vor allem aus einer Gesellschaft, die sich innerlich von ihren Unterdrückern gelöst hat. Das ist keine Garantie für Wandel, aber eine begründete Hoffnung.
Um die aktuelle Lage zu verstehen, ist eine klare Trennung notwendig. Der Iran ist nicht das Regime. Der Iran ist ein Land mit einer jungen, gebildeten und kulturell vielfältigen Gesellschaft, die seit Jahrzehnten von einer ideologischen Machtstruktur kontrolliert wird. Diese Struktur trägt einen Namen: Islamic Revolutionary Guard Corps. Das IRGC ist nicht nur militärisch relevant, sondern wirtschaftlich, medial und politisch tief im Staat verankert. Es repräsentiert nicht die Bevölkerung, sondern sichert den Machterhalt eines Systems, das ohne Zwang nicht überlebensfähig wäre.
Die Entwicklungen, die derzeit im Iran zu beobachten sind, stellen keine plötzliche Eskalation dar. Sie sind das Ergebnis eines schleichenden Prozesses. Ein zentraler Wendepunkt war die Protestbewegung nach dem Tod von Mahsa Amini im Jahr zweitausendzweiundzwanzig. Proteste an sich waren nicht neu. Neu war die Qualität. Sichtbar wurde ein Bruch, der tiefer reichte als frühere Unruhen. Die Angstbarriere begann zu zerfallen.
Seitdem hat sich das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft spürbar verschoben. Die Bereitschaft, religiöse und ideologische Vorschriften stillschweigend hinzunehmen, ist deutlich gesunken. Der Gehorsam, auf dem das System über Jahrzehnte aufbaute, funktioniert nicht mehr zuverlässig. Viele Menschen handeln nicht mehr aus Resignation, sondern aus bewusster Distanz.
In den vergangenen Monaten haben sich diese Entwicklungen weiter verdichtet. Internationale Medien, Exilnetzwerke und Menschenrechtsorganisationen berichten zunehmend von offenem zivilen Ungehorsam. Frauen treten ohne Hijab im öffentlichen Raum auf. In einzelnen Städten kommt es zu spontanen Musik- und Tanzaktionen. Überwachungskameras des Regimes werden beschädigt oder entfernt. Vertreter der Moralpolizei und der Sicherheitskräfte werden offen verspottet oder ignoriert.
Diese Beobachtungen müssen sorgfältig eingeordnet werden. Sie finden nicht überall gleichzeitig statt. Sie sind nicht dauerhaft. Und sie sind mit erheblichen Risiken verbunden. Das Regime reagiert weiterhin mit Repression, Festnahmen und Gewalt. Niemand sollte daraus schließen, der Iran sei bereits frei oder das Regime kurz vor dem Zusammenbruch. Was sich jedoch eindeutig verändert hat, ist die Dynamik. Kontrolle ist nicht mehr selbstverständlich. Das System reagiert, statt zu steuern.
Autoritäre Systeme überleben nicht allein durch Gewalt. Sie überleben durch innere Akzeptanz, durch Resignation und durch das Gefühl der Aussichtslosigkeit. Genau dieses Gefühl schwindet. Immer mehr Menschen verhalten sich so, als hätten sie innerlich bereits abgeschlossen. Dieser innere Bruch ist für jedes totalitäre System gefährlicher als jede äußere Bedrohung.
Das Fundament des Regimes ist brüchig geworden. Es reagiert darauf nicht mit Souveränität, sondern mit Nervosität. Und Nervosität ist für autoritäre Systeme ein schlechtes Zeichen.
Diese Dynamik ist nicht einzigartig. Sie lässt sich auch an anderer Stelle beobachten, wird dort jedoch deutlich seltener klar benannt. Ein Vergleich mit Gaza ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Auch dort ist es entscheidend, zwischen Bevölkerung und Machtstruktur zu unterscheiden. Die palästinensische Zivilbevölkerung hat keine realistische Chance auf politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Entwicklung, solange die Hamas oder eine andere terroristische Organisation die Kontrolle ausübt.
Wie im Iran basiert auch hier die Macht der herrschenden Struktur nicht auf Zustimmung, sondern auf Angst, Repression und ideologischer Indoktrination. Loyalität wird erzwungen, nicht gewählt. Kritik wird nicht zugelassen, sondern bestraft. Solange diese Struktur besteht, bleibt jede Hoffnung auf Selbstbestimmung eine Illusion. Nicht, weil die Bevölkerung dazu nicht fähig wäre, sondern weil sie systematisch daran gehindert wird.
Der entscheidende Punkt ist derselbe wie im Iran: Echte Perspektiven entstehen erst dann, wenn die ideologische Gewaltstruktur ihre Macht verliert. Nicht durch kosmetische Reformen, nicht durch internationale Beschwichtigung, sondern durch einen grundlegenden Bruch mit einer Organisation, die ihre eigene Bevölkerung als Schutzschild und politisches Druckmittel missbraucht.
So wie Iraner nur dann eine reale Chance auf Freiheit haben, wenn das islamistische Regime und seine Machtinstrumente entmachtet werden, gilt auch für die palästinensische Bevölkerung: Solange Hamas an der Macht ist, gibt es keine echte Zukunft. Keine Freiheit. Keine Entwicklung. Kein Frieden.
Diese Parallele ist unbequem, aber notwendig. Denn sie zeigt, dass das eigentliche Hindernis nicht ein äußerer Gegner ist, sondern eine innere Machtstruktur, die ohne Unterdrückung nicht überlebensfähig wäre.
Viele Iranerinnen und Iraner empfinden die aktuelle Situation als grundlegend anders als frühere Protestphasen. Diese Hoffnung speist sich nicht aus einem einzelnen Auslöser, sondern aus einer seltenen Gleichzeitigkeit mehrerer Entwicklungen. Die Proteste sind breiter verankert, sozial vielfältiger und politisch eindeutiger als zuvor. Entscheidend ist dabei weniger ihre Sichtbarkeit als der innere Wandel, der dahintersteht. Die Angst, auf der das System jahrzehntelang beruhte, verliert spürbar an Bindekraft.
Parallel dazu steht das Regime unter einem Druck, der über inneren Widerstand hinausgeht. In den vergangenen Jahren wurden zentrale Strukturen des IRGC wiederholt geschwächt. Gemeint sind nicht symbolische Aktionen, sondern konkrete Verluste bei Führung, Logistik und operativen Fähigkeiten innerhalb des regionalen Einflussnetzes. Diese Schwächung reduziert die Fähigkeit des Regimes, Macht nach außen zu projizieren und nach innen durch Abschreckung zu stabilisieren.
Israel spielt dabei eine zentrale Rolle. Nicht als Gegner der iranischen Bevölkerung, sondern als Akteur, der gezielt jene Machtinstrumente angreift, mit denen das Regime seine Kontrolle absichert. Diese Maßnahmen zielen nicht auf einen Regimewechsel von außen, sondern auf die systematische Schwächung einer ideologischen Gewaltstruktur. Für viele Iraner ist genau das entscheidend. Je geringer die operative Stärke des IRGC, desto begrenzter ist die Fähigkeit des Systems, Proteste niederzuschlagen und Loyalität zu erzwingen.
Aus dieser Perspektive erklärt sich auch die Haltung vieler Iraner gegenüber Israel. Sie wissen sehr genau, dass Israel und die iranische Bevölkerung de facto denselben Gegner haben. Diese Einschätzung ist kein Produkt der Gegenwart, sondern knüpft an eine gemeinsame Geschichte an, die im Westen häufig ausgeblendet wird. Vor der islamistischen Machtübernahme Ende der siebziger Jahre bestanden enge, kooperative Beziehungen zwischen Israel und Iran. Der Bruch kam nicht aus der Gesellschaft, sondern durch die ideologische Machtübernahme des Regimes, das Israel gezielt zum künstlich konstruierten Hauptfeind erklärte.
Dass viele Iraner diese historische Trennung klar sehen, zeigt sich bis heute. Auf pro-israelischen Demonstrationen werden regelmäßig originale iranische Flaggen mit dem Löwen geschwenkt. Sie stehen für ein anderes Iranbild, für eine vor-islamistische Identität und für die bewusste Abgrenzung vom Regime. Diese Symbole sind kein Zufall. Sie sind Ausdruck einer realen Wohlgesonnenheit zwischen zwei Völkern, deren Feindschaft nicht historisch gewachsen, sondern politisch erzwungen wurde.
Israel richtet seine Politik nicht gegen die iranische Bevölkerung. Sie richtet sich gegen die aggressive Außenpolitik des Regimes und seiner Stellvertreter. Der Konflikt ist weder ethnisch noch kulturell. Er ist ideologisch. Genau deshalb wird Israel von vielen Iranern nicht als Gegner wahrgenommen, sondern als Akteur, der denselben Machtapparat schwächt, unter dem sie selbst leiden.
An dieser Stelle schließt sich der Kreis zur Berichterstattung, mit der diese Folge begonnen hat.
Was wir derzeit erleben, ist kein moralisches Dilemma. Es ist ein logischer Widerspruch. Man kann nicht glaubwürdig gegen das iranische Regime sein und gleichzeitig dessen militärische und ideologische Vorfeldorganisationen relativieren oder romantisieren. Man kann nicht für die Freiheit der Iraner demonstrieren und zugleich gegen den Staat polemisieren, der genau jene Strukturen schwächt, die dieses Regime am Leben halten.
Im Jahr zweitausendzweiundzwanzig gingen in Deutschland viele Menschen zu Recht gegen das iranische Regime auf die Straße. Diese Haltung war logisch, konsequent und moralisch stimmig. Seit zweitausenddreiundzwanzig jedoch hat sich dieses Bild verschoben. Dieselben politischen Milieus, die das Regime zuvor klar verurteilten, stellen sich heute demonstrativ gegen Israel und blenden die Rolle der Hamas weitgehend aus, obwohl sie Teil des iranischen Stellvertreternetzwerks ist.
Besonders auffällig ist das begleitende Schweigen. Gerade jetzt, da das iranische Regime unter einem Druck steht wie seit Jahrzehnten nicht mehr, bleibt öffentlicher Protest weitgehend aus. Die iranische Bevölkerung zeigt Mut, das Regime verliert Kontrolle, seine Machtinstrumente werden geschwächt. Dennoch findet all das kaum Resonanz. Weder auf der Straße noch in der Berichterstattung von ARD und ZDF, wo diese Zusammenhänge meist fragmentiert und ohne klare Einordnung erscheinen.
Stattdessen richtet sich der Fokus weiterhin fast ausschließlich gegen Israel. Diese Verschiebung ist nicht Ausdruck von Differenziertheit. Sie entlarvt eine selektive Moral, die weniger von Menschenrechten als von politischen Erzählungen geleitet wird. Menschenrechte werden verteidigt, solange sie keine Konsequenz erfordern. Sobald Logik und Haltung zusammenfallen müssten, wird es still.
Diese Entwicklung ist irritierend. Nicht, weil Meinungen sich ändern dürfen. Das dürfen sie. Sondern weil die innere Logik verloren gegangen ist. Wer Freiheit ernst meint, kann sie nicht selektiv verteidigen. Wer das iranische Regime ablehnt, muss auch dessen Machtinstrumente ablehnen. Alles andere ist keine Haltung, sondern Bequemlichkeit.
Diese Folge sollte keine Empörung erzeugen. Sie sollte Klarheit schaffen.
Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht Gleichgültigkeit, sondern die Angst, konsequent zu sein. Denn Menschenrechte gelten nicht selektiv. Sie gelten nicht nur dann, wenn die Opfer in das eigene Weltbild passen. Sie gelten für Iraner, für Israelis, für Palästinenser, für jeden Menschen – oder sie gelten gar nicht.
Wer wirklich die Rechte der Palästinenser schützen will, muss auch benennen, was sie daran hindert, frei zu sein. Wer Freiheit für Iraner fordert, darf nicht gleichzeitig jene Machtstrukturen relativieren, die ihre Unterdrückung organisieren. Menschenrechte verlieren ihren Sinn, wenn sie nur noch als moralisches Schlagwort dienen, aber nicht mehr als Maßstab für Konsequenz.
Das iranische Regime ist nicht deshalb geschwächt, weil sich Narrative verändert haben, sondern weil sich seine eigene Bevölkerung innerlich von ihm gelöst hat. Das ist kein Ereignis, sondern ein Prozess. Und Prozesse brauchen Aufmerksamkeit, nicht Schweigen.
Wer Freiheit ernst meint, muss sie auch dann verteidigen, wenn das unbequem wird. Nicht selektiv. Nicht ideologisch gefiltert. Nicht abhängig davon, wer gerade als Täter oder Opfer erzählt wird.
Diese Folge braucht keine Gegenstimme. Denn das Schweigen ist bereits die Gegenstimme.
Und genau darüber musste heute gesprochen werden.
Danke fürs Zuhören. Bis zur nächsten Folge von Jew Is Important.